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Denkenswertes

Die Krise der Gewinner

Winner, Foto von Tirachard Kumtanom von Pexels

Das Staubsaugen und Saubermachen unserer Wohnung bringt mein Denken in Schwung. Aus irgendeinem Grund scheinen diese Tätigkeiten mein Gehirn besonders anzuregen. Ich lasse meinen Gedanken dann freien Lauf und reflektiere über mein Leben und die aktuelle Situation, in der ich mich befinde. Sollte diesen Text also von meiner Frau gelesen werden, dann male ich mir schon mal aus, dass meine Dienste im Haushalt wohl ab sofort vermehrt in Betracht gezogen werden.

Wie bei vielen anderen spielt sich das Leben aufgrund von Corona zur Zeit hauptsächlich in den eigenen vier Wänden ab. Insofern ist das Saubermachen ein zentraler Punkt, um das Zuhause in eine Wohlfühloase zu verwandeln. Ich bin homeoffice gewöhnt, daher kann ich mit der Situation bisher recht gut umgehen. Dennoch gibt es die Momente, in denen mir die Decke auf den Kopf zu fallen scheint. Hauptsächlich deswegen, weil durch die allgemeinen Maßnahmen zum Schutz vor Infektion mit dem Virus viele Entscheidungen einfach weggenommen werden und ich mich dadurch in meiner Autonomie eingeschränkt sehe. In diesen Momenten kommen dann Gefühle der Wut und des Frusts in mir auf und ich frage die uralte Fragen "Warum?" und "Was hat das alles für einen Sinn?" Wenn dann der Skeptizismus überhand nimmt, wird der Boden für Frust und Ärger besonders fruchtbar. Die Corona Krise um mich herum produziert und befeuert meine innere Krisen.

"Das muss nicht so sein.", dachte ich diesmal beim Staubsaugen. "Es gibt Möglichkeiten, durch diese Krise zu gewinnen."

Tatsächlich, gibt es die? In meinem beruflichen Umfeld sehe ich unzählige Beispiele, und wenn ich in die Welt blicke, sehe ich weitere Beispiele für Gewinner. Selbst im nahen Umkreis meiner Bekannten gibt es einige, die die Situation gewinnbringend nutzen. Und in diesem kleinen Satz, genauer im Wörtchen "nutzen", steckt auch schon die Quintessenz meiner Gedanken. Ein paar Beispiele seinen genannt:

  • Die Onlinewelt gewinnt. Die großen Internetkonzerne gewinnen täglich tausende Nutzer für ihre Dienste. Zahlreiche neue Dienste wachsen quasi über Nacht aus dem Boden und finden Nischen und Sparten, und gewinnen Kunden.
  • Die Welt der News gewinnt. Tagtäglich suchen viele Nutzer nach Informationen und viele starren gebannt nicht nur auf die Statistiken der Pandemie, sondern auf die Geschichten und Details, die in unserer Medienlandschaft zu finden sind.
  • Lieferdienste kommen groß raus und verzeichnen durch die Kontakt- und Bewegungseinschränkungen große Zuwächse.
  • Nachbarschaftshilfe (wenn auch aus der Distanz) wird vielerorts wieder mehr Bedeutung zugemessen. Zwar sind große Teile der Bevölkerung isoliert, aber trotzdem kümmert man sich um andere (besonders Risikogruppen) in Form von Einkaufsdiensten, Gassigehen mit Hunden, selbstorganisierte Kinderbetreuung u.a.

Nun muss man all diese Gewinner nicht mögen, oder es fair finden, was abläuft. Ich stehe den Gewinnern der Online-Welt z.B. eher skeptisch und negativ gegenüber. Und auch den Einfluss der Newsnetworks auf die Wahrnehmung unseres Lebens halte ich für höchst problematisch. Jedoch ist festzuhalten, dass es diese Gewinner gibt. Und wenn grundsätzlich Gewinnchancen in der Situation vorhanden sind, dann muss es wohl jedem freistehen, in der Krise zu einem Gewinner zu werden.

Natürlich darf man nicht ignorieren, dass eine Erkrankung unmessbares Leid auslöst (für Betroffene und Angehörige), und die negativen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Situation kann heute wohl niemand seriös abschätzen.

Ist es dennoch erlaubt, den Spieß umzudrehen und die Perspektive zu wechseln? Ich stelle mir die Gegenfrage: Was ist stattdessen möglich? Was bleibt sonst übrig? Viktor Frankl hat es mit einer Aussage auf den Punkt gebracht:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Ich beginne mich also zu fragen: Was kann ich in dieser Situation gewinnen? Wo liegen meine (Entscheidungs-)Freiheiten, die Situation zum Guten zu nutzen? Wie verwende ich meine größeren zeitlichen Freiräume? Was kann ich tun, um meine Welt, mein Leben, meine Familie, mein weiteres Umfeld positiv zu beeinflussen?

Und ich gestehe mir ein, dass es Momente gibt, wo ich die Abgeschiedenheit der Quarantäne als angenehm empfinde. Und aus diesem Eingeständnis wird ein fester Vorsatz, jeden Tag positiv zu nutzen und die guten Dinge zu betrachten.
Jetzt sehe ich,

  • dass wir als Familie neue Nähe gewonnen haben.
  • Ich sehe plötzlich, dass es ein Privileg ist, meine Kinder aufwachsen zu sehen.
  • Ich freue mich, über den Hund, der mich zu Gassigehen braucht.
  • Ich bin begeistert davon, meine Eltern anrufen zu können.
  • Ich bin dankbar, dass in meinem Umfeld niemand ernsthaft krank ist (weder durch das Virus, noch durch die vielen anderen Krankheiten, die es ja immer noch gibt).
  • Ich bin dankbar, dass ich meine Ressourcen (Zeit, Geld, Wissen) mit anderen teilen und dadurch jedem Tag eine sinnvolle Note geben kann.

So simpel diese Dinge sind - und sie sind simpel -, so viel Unterschied macht diese Sichtweise für mich aus. Das Positive wahrzunehmen lässt mich gut aufstehen, lässt mich besser schlafen. Und wenn du, lieber Leser, liebe Leserin, zur Zeit keinen Gewinn in deiner Situation ausmachen kannst: Ich vertraue drauf, dass der Perspektivenwechsel dir früher oder später gelingt.

Christian Macher ist Pädagoge für die Volksschule, IT-Berater, Web-Enthusiast, Dipl. Lebens- und Sozialberater in Ausbildung und unter Supervision.
Die Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater mit Schwerpunkt Logotherapie hat ihn befreit, auch in frustierenden Situationen einen Perspektivenwechsel vorzunehmen.
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